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Nachhaltigkeit in Architektur und Bauindustrie

Holz, Gewächshäuser und 3D-Druck

Für Vicente Guallart ist Nachhaltigkeit deutlich mehr als Recycling und Öko-Strom. Der international angesehene Architekt entwirft Modellstädte, in denen nachwachsende Rohstoffe, Kreislaufwirtschaft und ein neues soziales Miteinander Leitbilder der Planung sind. Auch der 3D-Druck spielt dabei eine wichtige Rolle: Damit soll lokal Kunststoff wiederverwendet und in Gebrauchsgegenstände umgewandelt werden. Wie das genau funktionieren soll – darüber haben wir mit dem international bekannten Architekten gesprochen.

Bild: Vicente Guallart
Bild: Vicente Guallart

Für innovative Stadtplanung vom Reißbrett ist China eine sehr gute Adresse. Schließlich entstehen nirgendwo sonst auf der Welt so viele neue Städte aus dem Nichts – in den letzten zwei Dekaden waren es im Schnitt 20 neue Städte pro Jahr. Kein Wunder also, dass Guallarts Pläne, das Stadtleben neu zu denken, auch hier auf Anklang gestoßen sind: Ende 2020 hat der Spanier einen internationalen Wettbewerb für den Bau eines Viertels der geplanten Zukunftsstadt Xiong‘an gewonnen. Diese nachhaltig geplante Metropole liegt rund 120 km südlich von Peking in einer sogenannten National New Area, die direkt der Zentralregierung unterstellt ist. Mit neuen Konzepten der Urbanisierung soll hier für 2,5 Millionen Menschen eine neue Heimat entstehen, die Hochtechnologie und nachhaltiges Leben unter einem bzw. vielen Dächern vereint. Dafür sollen nach Prognosen von Morgan Stanley in den nächsten 15 Jahren 290 Mrd. US-Dollar investiert werden.

Guallart setzt bei dem von ihm geplanten selbstversorgenden Viertel auf seinen Lieblingsbaustoff Holz, den er als Hauptmaterial für den vier Blocks umfassenden Gebäudekomplex verwenden will.  Gleichzeitig soll sich auch die Art des Zusammenlebens ändern: Handwerker und Produktionsstätten sollen wieder in die Wohnviertel zurückkehren anstatt wie bisher sich in den Vorstädten wiederzufinden, erklärt Guallart. „Mit diesem ganzheitlichen Ansatz verbinden wir eine fundamentale Aussage: Wir bauen eine Stadt, in der wir alles produzieren, was benötigt wird – Energie, Nahrung und andere Dinge.” So sind im Erdgeschoss der Gebäude Büros und Werkstätten vorgesehen, in denen unter anderem auf 3D-Druckern Gebrauchsgegenstände wie Schuhe, Tische, Stühle und Taschen entstehen können. Dabei sieht Guallart das Recycling aber nicht die ultimative Lösung für ein nachhaltiges Leben. „Additive Fertigung ist nicht alles, und es geht auch nicht nur darum, zu recyclen und Kunststoff weiter im Kreislauf zu halten“, so der Architekt. „Letztendlich müssen wir einfach andere Materialien verwenden.“

Dass Menschen in einem Gebäude leben und arbeiten, erinnert an den Alltag der Städte des Mittelalters und der Antike. Guallarts stadtplanerisches „Zurück-in-die-Zukunft“ umfasst aber noch mehr: Auf den obersten Stockwerken befinden sich Gewächshäuser, in denen die rund 3.000 Bewohner des Viertels frisches Gemüse anbauen. Auf den großen Südbalkonen, die auch als Wärmeregulatoren dienen, sollen sich die künftigen Bewohner entspannen, oder via 5G im Home-Office ihrer Arbeit nachgehen.

Ob Guallarts Planungen zu 100 Prozent umgesetzt werden, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Bis dahin wird wohl auch die technische Umsetzung des Materialrecyclings für den 3D-Druck noch weiter verfeinert. Darüber hinaus will Guallart sein Stadtkonzept auch anderen Städten weltweit anbieten. In Barcelona hat er als Chef-Architekt bereits einige Punkte dieses Konzepts umgesetzt – und dass der Architekt mit der Technologie des 3D-Drucks vertraut ist, hat er bereits bewiesen: Das von ihm gegründete IAAC (Institute für Advanced Architecture of Catalonia) hat im vergangenen Jahr eine Fußgängerbrücke aus Beton 3D-gedruckt, die nun den Stadtpark Castilla-La Mancha in Madrid verschönert.

Vicente Guallart im Profil

Bild: Vicente Guallart
Bild: Vicente Guallart

Vicente Guallart ist ein Architekt aus Barcelona, der mit seinem Unternehmen Guallart Architects an der Entwicklung von Projekten für ökologische Städte und Gebäude auf der ganzen Welt arbeitet. Er hat zahlreiche internationale Wettbewerbe gewonnen, darunter Housing post-COVID in Xiong'an (2020), oder Xianmi hu Master Plan in Shenzhen (2018). Er war als Chefarchitekt der Stadt Barcelona (2011-15) verantwortlich für langfristige Veränderungen der Stadt, die 2014 zur Europäischen Innovationshauptstadt ernannt wurde. 2001 gründete er das Institute of Advanced Architecture of Catalonia mit der Zentrale Valldaura Labs. Von hier aus arbeitet er derzeit an der Entwicklung von Biocities. Er ist Autor zahlreicher Bücher, wie z. B. „Die autarke Stadt“, „Geologics“ und „Pläne und Projekte für Barcelona“.

MEHR INFOS UNTER:

Iaac.net

Tags

  • Additive Fertigung
  • Architektur und Bauindustrie