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Ein neuer Erfindergeist

14.04.2026

Kolumne Schräg gedacht - FON Mag 01 2026: Vor knapp drei Jahren erlangte der New Yorker Anwalt Steven A. Schwartz in Fachkreisen und darüber hinaus einige unfreiwillige Berühmtheit: Für die Klage seines Mandanten, der auf einem Flug angeblich von einem Metall-Servicewagen getroffen wurde, gegen die kolumbianische Fluggesellschaft Avianca Airlines hatte sich Schwartz mithilfe von ChatGPT vorbereitet.

Lesedauer: 1 Minute

Text: Thomas Masuch

Vor Gericht trug der Anwalt dann mehrere Präzedenzfälle vor, die ihm Chat GPT geliefert hatte. Das Problem war nur: Die Fälle existierten nicht und waren von der KI schlicht erfunden worden. Neben der Strafe von 5.000 US-Dollar wog für Schwartz und seine Kanzlei der Imageschaden wohl deutlich schwerer – immerhin hatten Medien international berichtet. Der Anwalt hatte nicht damit gerechnet, dass ChatGPT sich einfach Dinge „ausdenken“ kann, wie er später erklärte.

Das Ganze zeigt, wie verführerisch die Effizienz versprechende Versuchung von KI inzwischen ist – und wie weit wir geneigt sind, ihr zu vertrauen. Unser Leben wird ja ohnehin immer mehr von KI geprägt – ChatGPT als Arbeitstool im Beruf ist da ja nur ein kleiner Ausschnitt. Wahrscheinlich kann kaum ein Laie noch zwischen echten und KI-generierten Videos bei Youtube unterscheiden – von Fotos und Texten ganz zu schweigen.

Illustration: feedbackmedia.de, iStock / Iuliia Anisimova, JoyImage, mitay20, Nick Molokovich
Illustration: feedbackmedia.de, iStock / Iuliia Anisimova, JoyImage, mitay20, Nick Molokovich

Der Boom von KI zeigte sich auch an Aktienmärkten, wo Nvidia und Co. lange Zeit nur eine Richtung kannten. Aus Sicht mancher Investoren gehört die Additive Fertigung im Vergleich zur Boombranche KI fast schon zum alten Eisen bzw. zum spröden Filament. Eine Entwicklung, die auch in der AM-Branche eine gewisse Kreativität ausgelöst hat: Denn anstatt als AM- oder 3D-Druck-Unternehmen bezeichnen sich junge Firmen auf Investorensuchen gern als Anbieter „digitaler Fertigung“. Gemeint ist dabei so etwas wie eine Kombination aus Software, 3D-Druck und Robotik – natürlich unterstützt von KI. Alternativ kursieren selbst im Unternehmensprofil klassischer 3D-Druck-Anbieter nun Begriffe wie „manufacturing technology company“ oder Anbieter von „advanced production platforms“.

Kritiker sehen in dieser Entwicklung im Prinzip nichts Neues, weil die additive Prozesskette all dies ja auch schon vor Jahren bereithielt. Befürworter sehen hier ein neues Geschäftsmodell, das den 3D-Druck mit einbezieht. Dass „Digital Manufacturing“ durchaus die Investoren überzeugt, zeigt das Beispiel von Divergent: Das Unternehmen aus Kalifornien hat in inzwischen zehn Finanzierungsrunden knapp 1 Mrd. US-Dollar an Fundings eingesammelt (und einen Teil davon auch in zahlreiche PBF-Systeme investiert) und wird derzeit (März 2026) mit rund 2,3 Mrd. US-Dollar bewertet.

Insgesamt spiegelt dieses neue Businesskonzept auch eine Entwicklung der AM-Branche wider: Die Umsätze verlagern sich immer mehr in den Dienstleistungssektor, während sich Anbieter von AM-Systemen insbesondere in westlichen Ländern oftmals in einer neuen Bescheidenheit üben müssen.

Für AM muss das kein Zeichen von Schwäche sein, sondern spricht eher für solides Zukunftspotenzial. AM kann als Enabling Technology inzwischen mit einer gewissen Reife überzeugen. Schließlich werden hier keine Teile erfunden, sondern zuverlässig Schicht für Schicht produziert.

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