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Text: Thomas Masuch
Es gab riesige Produktlaunches mit teils mehr als zehn Neuheiten auf einmal, Live-Bands, die auf 3D-gedruckten Instrumenten spielten, und als Nachtisch wurden 3D-gedruckte Torten serviert. Für Letzteres hatte 3D Systems den ChefJet entwickelt, einen 3D-Drucker für Zucker und Schokolade. Prominenter Gast auf solchen Launchpartys war unter anderem Will.i.am von Black Eyed Peas, der 2014 als Chief Creative Officer bei 3D Systems engagiert wurde. Auch andere berühmte Musiker wie Björk oder Katy Perry schmückten sich auf ihren Konzerten mit 3D-gedruckten Kopfbedeckungen oder Masken (von Stratasys).
Daneben trat der 3D-Druck seinen scheinbaren Siegeszug auch in anderen Branchen an: Häuser, Pizzas, Schuhe und alles Mögliche sollten in nicht allzu ferner Zukunft mehr oder weniger nur noch aus dem 3D-Drucker kommen. 2014 war AM tatsächlich der „heiße Scheiß“ der Technikwelt, Investoren investierten scheinbar ohne kritischen Blick auf die Unternehmenszahlen. Immerhin ging es um Disruption oder kreative Zerstörung. Und irgendwie wollte jeder dabei sein, getrieben von der Furcht, das nächste große Ding nach dem Internet zu verpassen.
Was dann folgte, ist gut bekannt: Die Disruption umzusetzen, war gar nicht so einfach, wenn man sich mit den technischen Details beschäftigte. Drucker waren damals langsam, die wenigen verfügbaren Materialien teilweise nicht für den 3D-Druck optimiert, die gedruckten Teile teils spröde, rau und oft qualitativ zu schlecht und zu teuer. Schöne Torten zu drucken war das eine, mit 3D-Druck Geld zu verdienen etwas ganz anderes.
Und so hat sich die AM-Welt inzwischen grundlegend verändert. Der ChefJet verschwand nach einiger Zeit wieder aus dem Portfolio, genauso wie Will.i.am aus der Unternehmenskommunikation von 3D Systems, und der Aktienkurs der damals größten AM-Unternehmen begab sich nach den Höchstständen 2014 auf eine imposante Talfahrt.
Und woher kommen heute die Nachrichten, die die Tech-Welt bewegen? KI und Robotik haben nicht nur beim Umsatz, sondern auch beim Unterhaltungswert den 3D-Druck deutlich in den Schatten gestellt. In China batteln sich humanoide Roboter in Schaukämpfen in einer Art Mixed-Martial Arts,– man wähnt sich fast in einer neuen Folge von „Terminator“. Vor den Türen patrouillieren KI-gesteuerte Roboter, sorgen scheinbar für Sicherheit. Andere machen Werbung oder erteilen Auskünfte und schießen hin und wieder übers Ziel hinaus: In Macao fühlte sich eine Passantin belästigt – der Roboter Unitree G1 wurde von einem (menschlichen) Polizisten abgeführt. Einzelne KI-Modelle wie gerieten bei Tests außer Kontrolle und attackierten wie in einer Matrix-ähnlichen Wirklichkeit andere Unternehmen oder schreckten auch nicht davor zurück, Mitarbeiter zu erpressen. Scheinbar gemütlicher agierte Anthropic bei seinem Project Panama: Der KI-Gigant kaufte Antiquariate leer und scannte die Seiten alter Bücher (natürlich alles automatisiert), wobei die alten Schmöker leider zerstört wurden und danach im Müll landeten. Alles revolutionär und diesmal ziemlich disruptiv (bei den Humanoiden und Büchern wortwörtlich), aber irgendwie stimmt das (einen Menschen) nicht besonders zuversichtlich mit Blick auf unsere Zukunft. Die Welt könnte um einiges ärmer werden, nicht nur wegen der alten Bücher.
Und was macht AM? Die Branche wächst, druckt Ersatzteile für Straßenbahnen, Panzer, Autos, Flugzeuge, Bohrinseln, verschiedene Produktionsmittel oder Zahnschienen, qualifiziert neue Materialien und validiert Prozesse, entwickelt Software, um Stützstrukturen zu minimieren. Klingt nicht (mehr) so revolutionär, aber doch stimmt es irgendwie zuversichtlich: Es wird vieles verbessert, oftmals Sinnvolles geschaffen – und das, ohne zu zerstören.