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Während manche Fachbetriebe ihre Produktion von Orthesen und Einlagen schon voll digitalisiert haben und die notwendigen Daten mittels Scanner generieren, halten andere Betriebe vollständig an der traditionellen Handwerkskunst fest.
Nowecor ist eine Einkaufsgemeinschaft, die seit 35 Jahren besteht und deren Mitgliedsbetriebe rund 600 Standorte in ganz Deutschland betreiben. Zu den Leistungen gehört unter anderem auch die „verlängerte Werkbank“, die ausschließlich den Mitgliedern zur Verfügung steht. „Mit diesem zusätzlichen Angebot wollen wir die Mitglieder unterstützen und ihnen Zugriff auf neueste Technologien ermöglichen, ohne dass sie selbst große Investitionen tätigen müssen“, erklärt Jens Rosenau.
Um seinen Mitgliedern einen Mehrwert zu bieten, hat Nowecor vor rund 25 Jahren das Projekt der verlängerten Werkbank ins Leben gerufen. Anfangs wurden auf Fräsmaschinen Einlagen gefertigt, später erweiterte Nowecor seinen Maschinenpark um zwei 3-Achs-Fräsmaschinen, auf denen zum Beispiel Modelle für Oberschenkelschäfte gefräst werden, die als Positivmodelle für den späteren Prothesenbau genutzt werden, sowie um einen 7-Achs-Roboter, mit dem man ganze Bein- und Armmodelle sowie Sitzschalenrohlinge fräsen kann. 2019 folgte der Einstieg in die Additive Fertigung: Zuerst wurde eine HP Multi Jet Fusion 4200 angeschafft, im Jahr 2024 folgte eine HP Multi Jet Fusion 5400W („W“ steht für „White“). Inzwischen sind hier außer Rosenau als Technischem Leiter noch fünf Mitarbeiter in der Produktion und zwei in der Konstruktion beschäftigt.
„Die Additive Fertigung von weißen Materialien auf der HP-Maschine gibt uns im orthopädietechnischen Bereich einen echten Mehrwert, da wir diese schön knallig einfärben können.“ Dafür verfügt Nowecor inzwischen über zwei Färbeanlagen DM60 von Dyemansion sowie ein chemisches Glättungsverfahren mit der Powerfuse S von DyeMansion. „Mit dem Maschinenpark der ›verlängerten Werkbank‹ können auch kleine Sanitätshäuser ihren Kunden moderne Technologien anbieten, was sonst für ein einzelnes Haus kaum finanzierbar wäre“, erklärt Rosenau.
Vom traditionellen Handwerk bis zum digitalen Workflow
Manche Sanitätshäuser verfügen über eigene Scanner und haben einen digitalen Workflow im Unternehmen etabliert. „Sie übermitteln uns digitale Datensätze, die speziell für den 3D-Druck optimiert sind“, so Rosenau. Um den Sanitätshäusern die Erstellung der Daten zu vereinfachen, hat Nowecor eine App zur digitalen Verwaltung der erfassten Patientendaten während des Scannens (NoweScan-App) und eine eigene Modellierungs-Software (NoweCAD) entwickelt, die auf die Anforderungen im Orthopädietechnikbereich spezialisiert ist und kontinuierlich weiterentwickelt wird. Bei Nowecor erfolgt die Teilfertigung nach den gewünschten Vorgaben – beim 3D-Druck einschließlich Oberflächenveredelung und Färben. Geliefert wird ein Vorprodukt, das dann vom Mitgliedsbetrieb weiterverarbeitet wird.
Dieser Prozess ist allerdings noch längst nicht die Regel: „Viele Orthopädietechnikbetriebe setzen bislang erst auf nur einzelne Schritte der Digitalisierung wie zum Beispiel das Scannen oder das digitale Modellieren, während die Additive Fertigung als abschließender Schritt noch weitgehend fehlt“, erklärt Rosenau. So werden zum Beispiel die Formen gefräst, auf denen die Orthopädietechnikhäuser in ihren Werkstätten oftmals manuell die Orthesen erstellen. Und weil auch die Traditionsliebhaber unter den Orthopädietechnikern früher oder später die Vorteile der Digitalisierung und der Additiven Fertigung erkennen werden, sieht Rosenau noch sehr viel Potenzial für den 3D-Druck in der Orthopädietechnik.
Effizienz, Fachkräftemangel und nette Designs
Neben einer effizienteren Produktion sieht Sebastian Bärthel, Vorstand bei Nowecor, noch weitere Vorteile der Additiven Fertigung – unter anderem auch als Reaktion auf den Fachkräftemangel, der die Branche in Deutschland beschäftigt: „Es gibt viel zu wenig Menschen, die dieses wunderschöne Handwerk ausüben. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter – das heißt, dass unsere Branche immer benötigt wird.“